Foto: Matthias Kreplien

Interviews

Dr. Hellrung: Das Scheingefecht um Daten

Dr. Nils Hellrung ist Head of Healthcare Professional der vitagroup und äußerte sich im Interview unter anderem zum Digitale Versorgungs-Gesetz (DVG), dem Thema Datenschutz und der elektronischen Patientenakte.

Digitalisierung ist schon lange eines der meistbenutzen Schlagworte bei Gesundheitspolitikern und den Akteuren der Szene. Egal, ob sie aus dem Bereich der Leistungserbringen oder der Kostenträger kommen. Der soeben in Berlin beendete „Hauptstadtkongress für Medizin“ zeigte deutlich, dass nun auf breiter Ebene die Impulse, die Digitalisierung setzen kann, auch im Markt und bei den Patienten ankommen und die Umsetzungsdynamik erheblich wächst. Dr. Hellrung ist ausgewiesener Experte, besonders für sehr anwendungsbezogene Projekte der Gesundheits-IT. sgpINSIDER sprach mit ihm.

In der gesundheitspolitischen Szene merkt man eindeutig den Trend, dass lange diskutierte Strategien zur Digitalisierung nun endlich Fahrt aufnehmen. Insbesondere der Entwurf für ein Digitalisierungsgesetz wird als Aufbruchsignal empfunden. Sie waren mit Ihren Aktivitäten beim Hauptstadtkongress sehr präsent. Wie haben Sie das aktuelle Interesse für das Thema Digitalisierung wahrgenommen?

Dr. Nils Hellrung: Erstaunlich fand ich beim Hauptstadtkongress die einhellige Meinung, dass es gegen den Trend zur Digitalisierung im Gesundheitswesen offenbar keine grundlegenden Widerstände mehr gibt. In Diskussionen der Vergangenheit, wenn man beispielsweise über Digitalisierung in der Pflege oder über den Einsatz von KI oder derartige Themen sprach, kam ja immer der Gedanke auf: Braucht man das überhaupt, darf man das? Darüber wird heute gar nicht mehr geredet, sondern es geht nur noch um die Frage: Wie sollen wir was umsetzen? Das rührt natürlich auch daher, dass man inzwischen gemerkt hat, wie weit Deutschland in manchen Themen hintendran ist. Es wäre auch unethisch, die Potentiale der Digitalisierung den Ärzten und Patienten vorzuenthalten.

Fühlen Sie sich durch den Entwurf des Digitalisierungsgesetzes beflügelt? Erwarten Sie, dass sich kurzfristig auch für entsprechende Produkte und Ideen ein attraktiver Markt entwickelt?

Dr. Nils Hellrung: In dem Gesetz steht sehr viel Gutes und Inspirierendes. Beispielsweise lässt sich daraus herleiten, wie entsprechende Apps, die die Versorgung des Patienten praktisch verbessern, angeboten werden sollen, wie Daten vernünftig gesichert und genutzt werden und wie Unternehmen Versorgungsverträge mit Kassen und anderen Akteuren des Gesundheitswesens angehen können. Ein Aspekt, der definitiv noch fehlt, ist die wirksame Verpflichtung von Primärsystemherstellern, ihre Systeme in beide Richtungen – also Lesen und Schreiben – zu öffnen. Die Schnittstellen müssen offen sein. Sonst werden wir den Übergang von alter zur neuen Welt nicht so schnell umsetzen können.

Es gibt im Wettbewerb immer viele Lösungen und innovative Ideen. Muss es, um Gesundheits-IT in die Breite zu bringen, aber nicht klare Standards geben?

Dr. Nils Hellrung: Selbstverständlich! Im Gesundheitswesen führen – im Gegensatz zu anderen Branchen – klare und verbindliche Standards überhaupt erst zu einem Wettbewerb um die besten Lösungen. Ich finde z.B. die Idee, die Dr. Kriedel von der KBV formuliert hat, sehr passend. Er hat von „atomaren“ Bausteinen, den so genannten Medizinischen Informationsobjekten – kurz: Mios – gesprochen, die in allen Systemen gleich sind. An dieser Form von Interoperabilität arbeiten wir auch. Solange es die Möglichkeit gibt, die Anwender durch intransparente Datenstrukturen „einzumauern“, haben wir nur eine Explosion von guten Ideen aber keinen echten Fortschritt in der Versorgung.

Ist das Thema Datenschutz inzwischen eigentlich hinreichend ausdiskutiert oder haben sie den Eindruck, dass laufende Debatten und zu wenige Entscheidungen dazu den Fortschritt in der Digitalisierung noch blockieren können?

Dr. Nils Hellrung: Ich hatte zwischenzeitlich schon das Gefühl, dass wir in dieser Frage sehr weit sind. Aber es gibt, das habe ich auch beim Hauptstadtkongress erlebt, immer wieder offene Fragen. Alles dreht sich am Ende doch um die Frage: Wer darf jetzt was sehen und bearbeiten? Die Lösung könnte sein, dass man die Berechtigungen durch eine sehr differenzierte Feinsteuerung hinbekommt, das ist keine Raketenwissenschaft und in den meisten Anwendungen schon längst implementiert. Andererseits sieht man am Beispiel Österreich, wo es die „ELGA“, also Elektronische Gesundheitsakte, schon seit Jahren gibt, dass die Patienten gar nicht so fein unterscheiden. Die Praxis zeigt, dass manche gar nichts, viele jedoch alles freigeben. Die Möglichkeit einer feingranularen Steuerung wird kaum wahrgenommen. Manche Debatte darum ist also wohl eher ein Scheingefecht.

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Die elektronische Patientenakte wird von vielen als besondere Errungenschaft empfunden. Teilen Sie diese Ansicht?

Dr. Nils Hellrung: Die elektronische Patientenakte (ePA) ist natürlich ein wichtiger Baustein für die Verfügbarkeit von Daten. Aber sie ist nicht alles. Die Fokussierung auf die Möglichkeit, Daten sicher zu speichern, würde die Fortschritte zu kurz kommen lassen, die in der Versorgung möglich sind. Die Patienten haben einen Anspruch auf Mehrwert-Leistungen, die der Markt ja auch bietet. Es würde uns gut tun, wenn wir uns nicht nur auf die ePA fixieren, sondern auch über Prozesse, die Erweiterung praktischer Anwendungen, die Nutzung künstlicher Intelligenz oder Angebote zur Entscheidungsunterstützung nachdenken würden. Es wird Zeit, dass wir unseren Blickwinkel in diese Richtung erweitern.

Besonders aus der Ärzteschaft gibt es immer wieder Bedenken gegen Digitalisierungsprozesse, auch, weil sie Mehrarbeit befürchten oder aber sich gedrängt sehen, die Gestaltung ihrer Behandlung an neue Strukturen anzupassen. Wird das ein Problem sein?

Dr. Nils Hellrung: Sicher gibt es solche Bedenken und die müssen auch ausgeräumt werden. Digitale Lösungen müssen Leistungserbringer in ihren Prozessen und Patienten in ihren Lebenssituationen zuallererst entlasten. Der Arzt soll Digitalisierung ja auch nicht als politisches Diktat empfinden, sondern soll diese wollen, weil er spürt, dass die Prozesse und Informationsflüsse, die ermöglicht werden, gut sind. Effizienz muss mit Nutzen einhergehen. Deshalb müssen Anwendungen in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Patienten entwickelt und sehr versorgungsnah gestaltet werden. Das bedingt eben auch, dass die Anbieter hier entsprechende Erfahrungen einbringen können.

Gerade beim Thema Digitalisierung dürfte es schwerfallen, Prozesse und Anwendungen letztendlich wirkungsvoll zu regulieren. Glauben sie nicht, dass der freie Markt am Ende eine normative Kraft des Faktischen entwickeln könnte, der gesundheitspolitische Steuerungen schlicht aushebelt?

Dr. Nils Hellrung: Natürlich ist das ein Problem, wenn Angebote völlig außerhalb der Versorgungsrealität entwickelt werden und sie nur deshalb genutzt werden, weil ein vermeintlicher Bedarf künstlich hergestellt wird. Andererseits haben ja die großen Digitalkonzerne Gesundheit längst als wichtiges Geschäftsfeld entdeckt. Es ist sicher nicht im Sinne des Gesundheitswesens, wenn eine Steuerung über eine Plattform stattfindet, mit der die Akteure unserer Versorgung nur noch wenig oder gar nichts mehr zu tun haben. Eine verlässliche Regulierung, die gleichzeitig die offenen Schnittstellen innerhalb des Systems garantiert, ist daher die Voraussetzung für funktionierende Innovationen, die die Vertrauensbeziehungen im Gesundheitswesen nicht zerstören.

Interview: Thomas Grünert

Dieses Interview erscheint am 17. Juni 2019 im sgp INSIDER 11/2019.