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Gesundheitswirtschaft

Gesundheitssysteme: Volkswirtschaftlicher Kurzvergleich Deutschland/Schweiz

Grüezi mitenand - Stellen Sie sich einmal vor, Sie beschäftigen sich ein gefühltes halbes Leben lang mit den Strukturen, Daten und Wirkungsmodellen des deutschen Gesundheitssystems. Und verfassen darüber Studien, Kurzbeiträge, Vorträge und Vorlesungen. Stellen Sie sich weiter vor, Sie haben dann irgendwann einen Überblick über die gesundheitspolitische und -ökonomische Struktur des Gesundheitssystems und über die Beweggründe der darin agierenden Akteure. Was passiert, wenn Sie in einem anderen Gesundheitssystem wie dem der Schweiz arbeiten? Die Antwort ist naheliegend: Sie vergleichen das eine Gesundheitssystem mit dem anderen. Und Sie überlegen, welche Inhalte und Strukturen des einen Gesundheitssystems sich zum Export in das andere System eignen könnten.

Von Dr. Thomas Drabinski

Der volkswirtschaftliche Vergleich

Grundsätzlich ähneln sich beide Gesundheitssysteme. Das Qualifikationsniveau und die medizinische Infrastruktur sind in beiden Ländern sehr gut. Auch die volkswirtschaftlichen Gesundheitsdaten sind ähnlich (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1 Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt [2010 bis 2019, alle Gesundheitsbereiche, alle Leistungserbringer, %]

Jahr Deutschland Schweiz OECD

2010 11,1 10,3 8,7

2011 10,8 10,3 8,6

2012 10,8 10,6 8,7

2013 11,0 10,8 8,7

2014 11,0 11,0 8,7

2015 11,2 11,4 8,7

2016 11,2 11,7 8,8

2017 11,4 11,9 8,7

2018 11,5 11,9 8,8

2019 1,7 12,1 8,8

Quelle OECD.Stat (2020).

Wie Tabelle 1 zeigt, wurden im Jahr 2019 für das Schweizer Gesundheitssystem 12,1 % des Schweizer Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausgegeben. In Deutschland waren es im selben Jahr 11,7 % des BIP. Auffällig ist, dass in der Schweiz der BIP-Anteil in den letzten 10 Jahren um 1,8 %-Punkte angestiegen ist, in Deutschland waren es nur 0,6 %-Punkte. Das bedeutet, dass der Gesundheitsmarkt in der Schweiz dynamischer wächst als in Deutschland.

Betrachtet man zum Vergleich die kaufkraftbereinigten Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben in US-$ (vgl. Tabelle 2), dann wurden im Jahr 2019 in der Schweiz pro Kopf 7.732 US-$ und in Deutschland 6.646 US-$ ausgegeben. Im Zeitraum 2010 bis 2019 sind die Pro-Kopf-Ausgaben in der Schweiz um 2.645 US-$ und in Deutschland um 2.224 US-$ angestiegen.

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Tabelle 2 Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben [2010 bis 2019, kaufkraftbereinigt, alle Gesundheitsbereiche, alle Leistungserbringer, US-$]

Jahr Deutschland Schweiz OECD

2010 4.422 5.087 3.093

2011 4.566 5.260 3.113

2012 4.743 5.565 3.212

2013 4.949 5.924 3.338

2014 5.149 6.159 3.413

2015 5.295 6.468 3.515

2016 5.668 6.808 3.683

2017 6.011 7.037 3.829

2018 6.224 7.280 3.984

2019 6.646 7.732 4.224

Quelle OECD.Stat (2020).

Das heißt, im Großen und Ganzen sind die volkswirtschaftlichen Eckdaten der beiden Gesundheitssysteme ähnlich, wobei in der Schweiz doch etwas mehr Geld für Gesundheit ausgegeben wird als in Deutschland.

Regulierungsdichte

Die höheren Ausgaben in der Schweiz sind auf die unterschiedlichen Organisationsstrukturen der Vergütungs- und Versorgungssysteme zurückzuführen. Während in Deutschland eine außerordentlich hohe Regulierungs- und Bürokratiedichte in den Vergütungs- und Versorgungsmärkten zur Zentralisierung und zur Vereinheitlichung (Staatsmedizin, Einheitskasse) eingesetzt wird, implementiert die Schweiz einen regulatorischen Wettbewerbsmarkt im Gesundheitssystem. Wie sich dieser regulatorische Gesundheitsmarkt in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird, ist derzeit nicht ganz gewiss. Denn in der Schweizer Ordnungs- und Gesundheitspolitik beginnt sich eine Agenda der Kostendämpfung durch aufwachsende Regulierungen zu entwickeln, ähnlich wie sie in Deutschland vor 30 Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung.

Voneinander lernen

Kann man dem Schweizer Gesundheitssystem empfehlen, Strukturen des deutschen Gesundheitssystems zu übernehmen? Oder kann man nicht eher Deutschland empfehlen, Strukturen des Schweizer Gesundheitssystems als Vorbild zu nehmen, um Regulierung und Bürokratie sowie Zentralisierung und Vereinheitlichung wieder zurückzudrehen?

  • Sollten zur Kontrolle der ambulant tätigen Ärzte Einrichtungen wie die Kassenärztlichen Vereinigungen in der Schweiz aufgebaut werden oder in Deutschland abgebaut werden?
  • Benötigt das Schweizer Gesundheitssystem Einrichtungen wie den Gemeinsamen Bundesausschuss, das IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) oder das IQTIG (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen) oder könnte man den Output dieser Einrichtungen auch effizienter hinbekommen?
  • Ist es nachhaltiger, die einkommensabhängigen Krankenversicherungsbeiträge in Deutschland durch pauschale Gesundheitsbeiträge wie in der Schweiz zu ersetzen?
  • Wäre es für die Schweiz ratsam, ein eigenständiges Krankenversicherungssystem für Beamte, Selbstständige und Besserverdienende aufzubauen oder sollte Deutschland von der Schweiz lernen und auf diese Anomalität besser verzichten?
  • Kann sich das Schweizer Gesundheitssystem von der deutschen Digitalisierungsdynamik eine Scheibe abschneiden, fehlt etwa eine Schweizer Gematik oder gibt es bessere Lösungen?
  • Würde man dem Schweizer Gesundheitssystem – auf Grundlage der deutschen Erfahrungen mit der Praxisgebühr – empfehlen, das intensiv ausgestaltete Zuzahlungssystem mit Franchise und Eigenbeteiligung einzuschränken oder fehlt in Deutschland genau ein solches System zur Steuerung und zur Anreizsetzung in der Versorgung?
  • Wie würden sich die Gesundheitsausgaben in der Schweiz verändern, wenn Arzneimittel-Preismodelle wie in Deutschland zur Anwendung kämen oder könnte der Schweizer Preisbildungsweg für Deutschland ein Vorbild sein?
  • Könnte man empfehlen, einen großen Teil der gesundheitspolitischen Kompetenzen von den Kantonen auf den Bund zu verlagern oder ist der Schweizer Weg der kantonalen Autonomie ein Vorbild für den Föderalismus und die gesundheitspolitische Autonomie in den Bundesländern?
  • Welchen Nutzen könnte die Schweiz aus einem Morbi-RSA Made in Germany ziehen und was würde mit der Schweiz passieren, wenn man dort einen Gesundheitsfonds aufgebaut würde?
  • Sollten die Schweizer Bedarfs- und Budgetierungsplanungen konzeptionell nach Deutschland übernommen werden oder umgekehrt?

Welche ordnungs- und gesundheitsökonomischen Strukturen sich zum Ex- und Import eignen, muss schlussendlich im Einzelfall geprüft werden. Beide Gesundheitssysteme haben Stärken und Schwächen, und bei einer Reform der Systeme müssen Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen werden.

Thomas Drabinski ist seit Sommer 2020 bei der BSS Volkswirtschaftliche Beratung in Basel tätig und unter Thomas.Drabinski@bss-basel.ch per Email zu erreichen.