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Ärzte

Landarztidylle mit kleineren Abstrichen

Dem Land gehen die Ärzte aus. Überlegungen, wie das Problem zu lösen ist, gibt es aktuell viele. Dr. Ulrike Koock ist Ärztin in Weiterbildung und meistert ihren Alltag mit Humor. Bessere Rahmenbedingungen wünscht auch sie sich.

Weite Felder vor der Tür, fröhliches Vogelgezwitscher, das durch die Fenster zu hören ist, und Patienten, die Blumen und Kuchen mit in die Praxis bringen. Traumberuf Landärztin? Wäre es doch nur so schön wie in der Vorstellung... „Ich habe morgens manchmal das Gefühl, einen Marathon vor mir zu haben“, sagt Dr. Ulrike Koock, die Ärztin in Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin ist. Bis zum Mittag hat die junge Landärztin zwischen 30 und 50 Patienten gesehen und manchmal bekommt sie das ungute Gefühl, nicht jedem gerecht werden zu können. Gern würde sie sich ausgiebig Zeit für Frau Meier und Herrn Schmidt nehmen und nicht immer wieder an das volle Wartezimmer denken müssen. Doch Landärzte sind Mangelware in Deutschland und so wächst auch der Druck auf die bestehenden Praxen.

Der AOK-Bundesverband hatte jüngst zu einer Diskussion zum Thema Ärztemangel auf dem Land eingeladen. Landarztidylle war gestern, hieß es. Was kommt morgen? Die Sprecherin für Gesundheitsförderung der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, ist selbst Psychiaterin und sagte: „Das Modell der Einzelpraxis läuft aber aus. Wir müssen uns auch über nicht-ärztliche Verbünde Gedanken machen.“ Delegationsmodelle findet auch Dr. Klaus Reinhard, Präsident der Bundesärztekammer, gut und notwendig. Er beschäftigt Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (VERAHs), die Patienten zu Hause besuchen, Routinekontrollen vornehmen und einschätzen, wann der Besuch beim Arzt wirklich notwendig ist. Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kommt aus Ostfriesland und sagt: „Ein Landarzt in jedem Ort ist schon heute Folklore.“ Man müsse sich ganz neue Konzepte überlegen, am Ende sei es mit einer einzigen Lösung nicht getan. „Bei uns zum Beispiel hat sich der Patientenbus bewährt, doch nun ist die Finanzierung ausgelaufen.“ Connemann wünscht sich eine Verstetigung der Modellprojekte, die erfolgreich waren.

Auch, wenn sie in Zukunft nicht in jedem Ort ansässig sind, so braucht es dennoch weiterhin neue Landärzte. Wie bekommt man sie nun aufs Land? Förderprogramme, die jungen Leuten eine sorgenfreie Studienzeit und ein anschließend idyllisches Landleben versprechen, haben bislang wenig gebracht. Im hessischen Vogelsbergkreis können Studierende beispielsweise während der Unizeit bis zu 20.400 Euro beziehen - aufgeteilt auf monatlich 400 Euro für eine maximale Förderdauer von 51 Monaten. Als Gegenleistung verpflichten sich die Absolventen der Allgemeinmedizin anschließend acht Jahre als Hausärztin oder Hausarzt in dem Landkreis zu bleiben. Aus Sicht von Koock eine merkwürdige Idee. Sie fragt: „Wer kann sich am Anfang des Studiums schon für ein Leben danach verpflichten?“ Blickt sie selbst auf ihren beruflichen Werdegang zurück, erinnert sie sich an einige Irrungen und Wirrungen, bis sie in ihrem heutigen Traumberuf angekommen ist. „Ich wusste nicht so richtig, wo meine Reise hinführen würde. Ganz sicher war ich mir damals aber, dass ich keinen direkten Patientenkontakt möchte.“ Nach dem Humanmedizinstudium in Frankfurt am Main ging sie für ihr Praktisches Jahr zunächst nach Darmstadt in die Pathologie. „Es stellte sich jedoch heraus, dass auch Tote einen ärgern können.“ Also entschied sich Koock kurzerhand in die Forschung zu gehen, um den Krebs besser zu verstehen. Doch so richtig zufrieden war sie auch da nicht, dass sie es schließlich in der Pharmaindustrie versuchte. Und wo arbeitet sie heute? Da, wo sie sich selbst niemals vermutet hätte - in einer Landarztpraxis in Altenstadt, gut 70 Kilometer von Darmstadt entfernt, wo sie zuletzt lebte.

Vor allem wegen ihrer beiden Kinder ist sie diesen Schritt gegangen. „Ich weiß die Vorteile hier sehr zu schätzen.“ Hier gibt es Unterstützung von den Schwiegereltern und die Kinder können frei und in der Natur aufwachsen. Angekommen in der neuen Heimat lief sie dann mehr oder weniger den beiden Ärzten in die Arme, die sie sogleich als Praxisverstärkung angeworben haben. Für Koock, die 24 Monate ambulant arbeiten muss, um den Facharzt zu bekommen, ein Glücksfall. Und für ihre beiden Chefs sowieso, denn Nachwuchs ist rar gesät.

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Die Landesärztekammer Hessen fordert seit Längerem, die Studienplatzzahl deutlich zu erhöhen. Rheinland-Pfalz hat sich kürzlich bereits für die Quotenlösung entschieden: Das neue Gesetz reserviert Studienplätze für Bewerber, die ein besonderes Interesse an einer hausärztlichen Tätigkeit oder einer Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitswesen haben. Ärztekammer-Präsident Dr. Günther Matheis bleibt skeptisch: „Ich glaube, dass man einen 19- oder 20-jährigen Studenten nicht für den Rest seines Lebens darauf festlegen kann, dass er Landarzt wird. Oft entwickle sich während des Studiums der Wunsch, ein anderes Fachgebiet zu wählen.

Fragt man Koock, was ihr wichtig ist, gibt es eine Antwort, die eigentlich bekannt sein sollte - und die heißt: eine gute Work-Life-Balance. Die meisten würden darunter vermutlich Freizeit für Familie, Freunde und Hobbys verstehen. „Meine Work-Life-Balance heißt: Wie kann ich mein Streben nach dem Facharzt mit meinen Kindern vereinbaren?“, so Koock. Ihre beiden Jungs sind 6 und 8 Jahre alt und brauchen gerade am Anfang der Schulzeit Unterstützung. Auf der anderen Seite warten die Patienten, die auf dem Land als allererstes zum Hausarzt gehen und eigentlich genau das machen, was sich viele Gesundheits-
ökonomen, Krankenkassen und auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung wünschen. Wo der Stadtarzt schnell an den nächsten Facharzt überweist, ist Koock auf sich allein gestellt. „Das ist das Schöne und gleichzeitig Schwierige an dem Job.“ Landärzte decken ein extrem breites Versorgungsspektrum ab und kommen darüber schnell in die Überarbeitung.

Was würde ihr helfen? „Vielleicht schon, dass die dauernde politische Bevormundung auf einen eigentlich freien Beruf aufhört“, sagt Koock und verweist dabei unter anderem auf das neue Terminservicestellen- und Versorgungsgesetz sowie das Thema Budgetierung. Als kontraproduktiv empfinde sie zudem die Unterstellung, Ärzte würden die Krankenkassen ausnehmen, wo sie nur können. Letztlich geht es vielleicht doch ein wenig um das Image des Landarztes. Koock als fröhliche, aufgeschlossene Ärztin nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Beruf sei toll, aber eben auch stressig. Sie beweist, dass mit ein wenig Humor auch die schwierigeren Stunden vorbeigehen; nachzulesen in ihrem Blog: www. schwesterfraudoktor.de, wo es getreu des Mottos „Lachen ist gesund“ zugeht.
Dana Bethkenhagen

Dieser Artikel erscheint am 10.10.2019 im sgpINSIDER #15 und ist vorab exklusiv für INSIDERpro-Nutzer verfügbar.