Interviews

Prof. Dr. Büttner-Janz: Patient hat Anspruch auf Infektionsvermeidung

Im Hochtechnologieland Deutschland vertrauen Patienten darauf, in Kliniken und besonders bei notwendigen Operationen höchste Hygienestandards vorzufinden. In der Tat ist aber das Infektionsrisiko in deutschen Krankenhäusern im Vergleich zu einigen europäischen Nachbarländern, beispielsweise den Niederlanden, besonders hoch. Prof. Dr. Karin Büttner-Janz, MBA, seit 2005 APL-Prof. der Charité Berlin, langjährige Chefärztin an den Vivantes Kliniken, hat sich besonders mit dem Thema „Hygiene im OP“ beschäftigt und sogar ein Konzept für eine Klinik mit zukunftsgerechten Hygienestandards vorgelegt. sgp INSIDER sprach mit der bekannten Medizinerin.

Interview mit Prof. Dr. Karin Büttner-Janz, MBA, Chefärztin a.D. und Expertin für Hygiene von OP-Räumen

Ist das Vertrauen in hohe Hygienestandards in deutschen Kliniken prinzipiell gerechtfertigt oder besteht hierzulande noch großer Handlungsbedarf, wie immer wieder Meldungen über Infektionen vermuten lassen, die sich Patienten offenbar in der Klinik geholt haben?

Büttner-Janz: Eine Umfrage zeigte, dass jeder zweite Antwortende schon eine Infektion hatte oder unsicher wegen Krankenhauskeimen ist. Das muss man sehr ernst nehmen! Wenn man sich die deutsche Krankenhauslandschaft anschaut, so ist festzustellen, dass der Bestand an Krankenhäusern bis auf Ausnahmen sehr alt ist, dass über Jahre oft nichts grundlegend verbessert wurde. Das liegt vor allem an der Klinik-Finanzierung und den Gesetzen zu Plankrankenhäusern. Die Infektionsentstehung nach Operationen, das ist mit Studien belegt, ist aber zu über 50 Prozent den Bedingungen in OP-Räumen zuzuschreiben. Dazu zählen mehrere Faktoren, wie z.B. die Raumlufttechnik, in Abhängigkeit davon das Prozessmanagement, die OP-Bekleidung sowie Maßnahmen am Patienten. Es besteht hoher Handlungsbedarf, die hygienerelevante Gefährdung von Personen in OP-Räumen zu verringern.

Sie haben sich insbesondere mit dem Thema Raumluft beschäftigt. Warum ist gerade dieser Aspekt besonders wichtig?

Büttner-Janz: Bis heute wurde keine Studie publiziert, die zeigt, dass Krankheitserreger aus der OP-Raumluft nicht zu Wundinfektionen führen. Im Gegenteil: Studien belegen, dass Erreger in der OP-Wunde direkt aus der Luft der Wundumgebung stammen, und dass mit zunehmender Erregerzahl in der OP-Raumluft die Infektionsrate ansteigt. Die DIN 1946-4:2018 setzt für besonders infektionsgefährdete Operationen, wie z.B. an großen Gelenken, an der Wirbelsäule, am Herz, an Blutgefäßen, bei Tumoren, mit der Raumklasse Ia/turbulenzarme Verdrängungsströmung, bewusst einen hohen Standard. Wenn jedoch die Kopfbedeckung beim OP-Team kontaminiert ist oder alte große OP-Leuchten den Luftstrom stören oder sterile Instrumente nicht im Schutzbereich sind, bleibt u.U. die Schutzwirkung aus. Investitionen für die richtige Raumlufttechnik rechnen sich unmittelbar, wenn man an die enormen Folgekosten von OP-Infektionen für Klinik, Gesundheitswesen, ja für die gesamte Gesellschaft, denkt. Ganz zu schweigen davon, was Patienten an Leid erspart bleibt.

Kann so etwas nicht durch die übliche Antibiotika-Prophylaxe verhindert werden?

Büttner-Janz: Zu allererst muss ein Keimeintrag in die OP-Wunde vermieden werden, auch um einen Biofilm, der sich u.U. erst Monate bis Jahre nach der OP klinisch manifestiert, dessen Ursprung aber bei der OP ist, zu vermeiden. Eine „perioperative Antibiose“ beinhaltet eigentlich, dass sie permanent dem Keim- und Resistenzspektrum angepasst werden müsste. Aber wie soll das erfolgen, wenn für Deutschland nur ein Schätzwert zur Anzahl nosokomialer Wundinfektionen vorliegt?

Sieht das in den Nachbarländern, beispielsweise den Niederlanden, wo es bekanntlich nicht so viele Infektionen nach Klinikaufenthalten gibt, denn prinzipiell besser aus – und, wenn ja, warum?

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Büttner-Janz: Aus eigenem Erleben kann ich von einer Tour durch niederländische Krankenhäuser berichten, dass alle Häuser die sicherste Raumlufttechnik, die turbulenzarme Verdrängungsströmung, hatten. Den OP-Bedingungen wird dort hohe Bedeutung beigemessen.

Sie organisieren für den 6. September in Berlin die 1. OP-Raum-Tagung, bei der es um Infektionsrisiken und Infektionsvermeidung geht. Warum stellen OP-Räume ein besonderes Risiko dar?

Büttner-Janz: Ich war 22 Jahre als Chefärztin tätig, daher weiß ich sehr genau, dass Infektionen für Patienten gefahrvoll und in der Versorgung extrem teuer sind. In den USA wurde zu infizierten künstlichen Kniegelenken der Kostenfaktor 4,1:1 gegenüber der Primärversorgung berechnet. Warum ich mich speziell um das Thema Hygiene und Raumluft kümmere, ist, dass ich als Chefärztin viele Patienten-Schicksale kennenlernte, die es künftig mit konsequent eingehaltenen Hygienestandards und modernster Technik und Ausstattung zu vermeiden gilt. Vergleichsstudien zu Erregern in Ia- und Ib-OP-Räumen zeigen, dass OP-Räume mit turbulenter Verdünnungsströmung/Raumklasse Ib deutlich schlechter abschneiden als Ia-Räume, und daher für hoch infektionsgefährdete Operationen nicht die sicherste Raumlufttechnik bieten. In „Prävention postoperativer Wundinfektionen“ des RKI steht nur eine „Feststellung“ zur Raumklasse Ia, d.h. keine „Empfehlung“. Beurteilt wurde nach Infektionen, jedoch sind Fälle mit einer Infektionsentstehung aus dem Patienten selbst, z.B. nach einer Lungenentzündung, also unabhängig vom OP-Raum, nicht separiert. KISS (Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System) u.ä. Erfassungssysteme bilden wegen gravierender Limitationen, die sich durch hohe Fallzahlen nicht nivellieren lassen, keine Grundlage für Entscheidungen zu Raumklassen, insbesondere für die Endoprothetik. Inzwischen wird bei Implantaten definitionsgemäß die Infektionserfassung auf nur noch 90 Tage nach der OP begrenzt, was Infektionsraten künstlich absenkt. Denn viele Infektionen zeigen sich klinisch erst mehrere Jahre nach der OP.

Die OP-Raum-Tagung ist etwas völlig Neues. Wen sprechen Sie damit an?

Büttner-Janz: Als erstes Krankenhausbetreiber, Operateure u.a. OP-Personal sowie Hygieneärzte und Mitarbeiter in Gesundheitsbehörden, aber auch Architekten, OP-Raum-Ausstatter und Juristen. Letztere, weil Infektionsfälle häufig zu medizinrechtlichen Klärungen führen. Es geht darum, den Anspruch des Patienten auf Infektionsvermeidung zu zementieren. „Billig“ gebaute und eingerichtete OP-Räume sind ein potenzierter gesundheitlicher und finanzieller Bumerang. Zumal die Investitionskosten für einen Ia-OP-Raum nur ca. 20.000 EURO höher liegen als für einen Ib-Raum.

Was müsste aus Ihrer Sicht am dringendsten gelöst werden, um die Zahl der Infektionen nach Operationen hierzulande zu reduzieren?

Büttner-Janz: Konsequent die DIN 1946-4:2018 anwenden und deren Einhaltung überwachen, ausnahmslos alle Infektionen nach Operationen und deren Erreger sowie Resistenzen zentral erfassen und kontinuierlich auswerten, Studien zur Infektionsentstehung in OP-Räumen und alternativ beim Patienten unterstützen, d.h. insgesamt Transparenz zu Infektionen schaffen. Außerdem moderne Konzepte zur Architektur neuer Plankrankenhäuser inkl. OP-Räume zulassen und nicht an gesetzlichen und administrativen Hürden scheitern lassen. Es kann nicht sein, dass bundesweit nicht-infizierte Patienten in gleichen OP-Räumen mit gleichem Equipment operiert werden wie hoch infektiöse Fälle. Dazu gibt es weltweit keine passende Studie. Operationsräume sollten wie „Hochsicherheitstrakte“ behandelt werden.