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Gesundheits-IT

Wie sich die ländliche Versorgung aufwerten lässt

Es besteht ein gewisses Missverhältnis zwischen der Zahl derer, die über die sich ausdünnende, ambulante Versorgung auf dem Land jammern und der Menge an Projekten, die mit Hilfe der Digitalisierung versuchen, etwas dagegen zu tun. Ein neuer Testballon startet in Baden-Württemberg. Auf Dauer wird auch der nur fliegen, wenn sich das Establishment bewegt.

Vor ein paar Monaten haben wir an dieser Stelle gemeldet, dass im sächsischen Vogtland, in der Region Steinberg, nach jahrelangem Vorabgeplänkel eine nicht-ärztlich besetzte telemedizinische Servicestelle in Betrieb gegangen ist, die vom MVZ des Klinikums Obergöltzsch Rodewisch ärztlich mitbetreut wird. Dass das in Deutschland eine eigene Meldung ist, ist schon an sich bemerkenswert; denn letztlich handelt es sich, Telemedizin hin oder her, um eine Art Zweigpraxis, zudem nur für Bestandspatienten des MVZ, denn für niemanden sonst bezahlt das deutsche Gesundheitswesen in einer solchen Konstellation auch nur einen Cent.

Ab 2020 wird es spannend

Das sollte im Hinterkopf behalten, wer sich das deutlich ambitioniertere Projekt der so genannten OhneArztPraxen ansieht, die Mitte Oktober in Spiegelberg, nördliches Baden-Württemberg, und kurz danach dann in Zweiflingen in derselben Gegend starten werden. In den OhneArztPraxen, betrieben unter dem Label TeleMedicon von der HealthCare Futurists-Tochter PhilonMed, soll richtig viel Telemedizin betrieben werden, nicht nur Videosprechstunde und Übermittlung von Hautbefunden, sondern auch 12-Kanal-EKG-Übertragung, Tele-Otoskopie und digitales Stethoskop mit Store-and-Forward-Fern-Auskultation. Ziel ist, in diesen Praxen jene teilapprobierten Pflegekräfte einzusetzen, die ab 2020 die ersten Hochschulen verlassen werden und die sehr weitgehend und nach ärztlicher Diagnose auch eigenständig therapeutische Tätigkeiten ausüben dürfen.

Motivierte und selbstständige Versorger

PhilonMed möchte seine telemedizinisch gepowerten Praxen mittelfristig nicht nur als Versorger etablieren, sondern sieht in ihnen auch ein Testfeld für künftige digitale Gesundheitsanwendungen: Wo ließe sich ein positiver Versorgungseffekt digitaler Anwendungen besser nachweisen als in einem Umfeld, in dem „digital“ ganz normal ist? Das Innovative an den Baden-Württemberger Praxen ist aber nicht nur die Telemedizinkomponente, sondern auch das Organisationsmodell. Die OhneArztPraxen sind nämlich nicht als Zweigpraxen konzipiert, sondern als selbstständige Versorger, die nach Art eines „Therapie-Hubs“ mit mehreren Ärzten zusammenarbeiten sollen.

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Krankenkassen bisher kaum interessiert

Spätestens hier wird sich das deutsche gesundheitspolitische Establishment pikiert wegducken. Neue Versorger etablieren, die mit am Kuchen knabbern? So schlimm ist das mit der ländlichen Versorgung ja vielleicht doch nicht. Tatsache ist: Auf Seiten der Krankenkassen hat sich noch niemand besonders interessiert gezeigt. Auch verschiedene Ärztekammern, mit denen die Macher im Vorfeld auch in anderen Bundesländern in Kontakt waren, haben sich vornehm zurückgehalten. Immerhin: Die telemedizinisch aufgeschlossene KV Baden-Württemberg macht nicht völlig dicht, sondern begleitet das Projekt zumindest ideell. Das fällt allerdings auch leicht, denn in den ersten zwei Jahren stellen Fördermittel des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung die Finanzierung im Rahmen des Bundesprogramms für Ländliche Entwicklung sicher. Die beteiligten Ärzte werden neben Quartalspauschalen die Videosprechstundenziffern abrechnen.

Kommunen als langfristige Lösung?

Die Frage ist, was nach diesen zwei Jahren ist. Quartalspauschalen und deprimierende niedrige Video-EBM-Ziffern auch noch zwischen Ärzten und teilapprobierten Pflegekräften aufzuteilen, macht keinen Sinn. Die Lösung muss anders aussehen. Ein Teil der Lösung könnten die Kommunen sein: In Spiegelberg zahlt die OhneArztPraxis weder Miete noch Reinigung noch Internet. Bleiben Personal und Verbrauchsmaterialien. Am Ende wird es auf ein Jeder-muss-ein bisschen-geben-Modell hinauslaufen müssen, wenn es funktionieren soll. Es lohnt, darüber etwas intensiver nachzudenken. Philipp Grätzel von Grätz 

Der Text erschien vorab in Ausgabe 14/2019 des sgp INSIDER.