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Arzneimittel

Zahl der Antibiotikaverordnungen gehen deutlich zurück

Neue Antibiotika sind in der Entwicklung und im Zulassungsverfahren. Das RESIST-Innovationsfondsprojekt vermeldet erste Erfolge. Die Apotheken geben Flyer zum richtigen Umgang mit Antibiotika aus. Ein Überblick über Äußerungen zum heutigen 12. Europäischen Antibiotika-Tag.

In den nächsten Jahren ist mit neuen Antibiotika-Zulassungen mit neuartigen Wirkmechanismen in Deutschland zu rechnen, teilte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) am Morgen mit. Die Entwicklung neuer Antibiotika gelte als wissenschaftlich anspruchsvoll und kostenaufwendig. Ihre Reservefunktion als Notfall-Antibiotika mache eine Refinanzierbarkeit schwierig, so der BPI. Derzeit sollen sich mehrere Antibiotika-Kandidaten in der Entwicklung und im Zulassungsverfahren befinden. Der Europäische Antibiotika-Tag findet jährlich am 18. November in den EU-Mitgliedsstaaten statt. Es handelt sich dabei um eine Initiative des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Stockholm.

Ersatzkassen und KBV verweisen auf Innovationsfonds-Projekt

Der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) stellen Patientenflyer, Infozept und konkrete Verordnungsempfehlungen für Ärzte, die im Rahmen des Innovationsprojektes „RESISTenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen“ (RESIST) entstanden sind, auf ihren Internetseiten zur Verfügung. Die Materialien wurden zwei Jahre lang in knapp 2.500 niedergelassenen Arztpraxen in den KV-Regionen Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein, Saarland und Westfalen-Lippe erprobt. Sie können auf www.vdek.com/resist und www.kbv.de/resist abgerufen werden. Des Weiteren werden in Kürze die drei CME-zertifizierten Online-Module der RESIST-Fortbildung zur Arzt-Patienten-Kommunikation sowie zur rationalen Antibiotikatherapie bei Infekten der oberen und unteren Atemwege im KBV-Fortbildungsportal veröffentlicht.

Noch zu viele Antibiotikaverordnungen bei Atemwegsinfekten

Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek): „Gerade jetzt in der Erkältungs- und Grippesaison leiden viele Menschen an akuten Atemwegserkrankungen mit Halsschmerzen, Husten oder Schnupfen. Die Einnahme eines Antibiotikums ist in den meisten Fällen unnötig. Rund 90 Prozent der Atemwegsinfekte werden durch Viren ausgelöst, aber Antibiotika wirken nur gegen Bakterien. Durch die Veröffentlichung unserer Praxismaterialien können wir hoffentlich noch mehr Ärzte und Patienten dafür gewinnen, Antibiotika bei Atemwegserkrankungen nur anzuwenden, wenn es medizinisch notwendig ist.“

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Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV: „Insgesamt ist die Zahl der Antibiotikaverordnungen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Das ist erfreulich. Während 2010 noch 562 Verordnungen durch niedergelassene Ärzte pro 1.000 Versicherten ausgestellt wurden, waren es 2018 nur noch 446. Aufklärungsarbeit bleibt aber ein wichtiges Thema – gerade deshalb haben wir gemeinsam mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Rostock sowohl ein zielgerichtetes Angebot an Materialien für Patienten als auch unterstützende Online-Fortbildungen für die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen entwickelt.“

Positive Zwischenbilanz zum Innovationsprojekt RESIST

Das aus dem Innovationsfonds mit rund 14 Millionen Euro geförderte Innovationsprojekt RESIST wird wissenschaftlich durch die Uni Rostock begleitet und endet im März 2020. Ziel des Projekts ist es, unnötige Antibiotikaverordnungen bei akuten Atemwegsinfekten zu vermeiden und die Verschreibung von Breitspektrumantibiotika zu verringern. Die Zwischenbilanz zu RESIST fällt positiv aus, erste vorläufige Auswertungen zeigen, dass die Verordnungsraten bei den teilnehmenden Ärzten gesunken sind.

Apothekerschaft legt Liste zum Umgang mit Antibiotika vor

  • Antibiotika sollten ausschließlich nach ärztlicher Verordnung eingenommen werden.
  • Antibiotika sollten so lange und in der Dosierung eingenommen werden, wie vom Arzt vorgesehen.
  • Apotheker informieren Patienten über Wechselwirkungen und geben Einnahmehinweise. Einige Antibiotika werden durch Kalzium in ihrer Wirkung gestört. Sie sollten deshalb nicht mit Milch oder kalziumreichen Mineralwässern eingenommen werden. Idealerweise nimmt man die Tabletten mit einem großen Glas Wasser ein.
  • Reste von Antibiotika sollten nicht aufgehoben oder von Patienten bei der nächsten Infektion auf eigene Faust eingenommen werden.
  • Arztlich verordnete Antibiotika sollten nicht an andere Patienten weitergegeben werden.
  • Antibiotika sollten über den Hausmüll entsorgt werden, aber nicht über die Toilette oder das Waschbecken. Die Entsorgung von - Antibiotika über das Abwasser verbreitet die Substanzen in die Umwelt und fördert so die Entstehung von Resistenzen. Einige Apotheken bieten als freiwilligen Service an, Arzneimittelreste zu entsorgen.
  • Viele Infektionen können durch einfache Hygienemaßnahmen vermieden werden. Empfehlenswert ist auch eine Grippeimpfung.

Die Ausführlichen Informationen der Apothekerschaft zum richtigen Umgang mit Antibiotika können Sie dem Flyer der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) entnehmen.

BAH: Bürger können Antibiotikaresistenzen selbst verhindern

Das Wissen über Antibiotika hat nach Umfrageergebnissen zwar zugenommen, aber noch immer denkt mehr als ein Drittel der Befragten, dass Antibiotika auch gegen virale Infektionen helfen. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) sieht Bedarf für mehr Aufklärung.
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